Im Interview blickt die Vorstands- vorsitzende der BVG Mana Fibucci zurück auf die Anfänge des Wandels, spricht über ihre Liebe zu Berlin und darüber, warum sie ihrem Mentor Henrik Falk ein Denkmal bauen möchte.

Berliner Zeiten: Frau Fibucci, Berlin ist in den letzten Jahrzehnten zum Synonym für urbane Lebensqualität geworden. Sie sind seit über 20 Jahren im Unternehmen und haben maßgeblich daran mitgearbeitet. Wenn Sie an die BVG von damals denken – was ist aus ihr geworden?

Fibucci: Sie hat sich geöffnet – im besten Sinne. Aus den Berliner Verkehrsbetrieben wurde ein Zusammenschluss aus Stadt, Wirtschaft und Menschen. Wir sind kein Verkehrsunternehmen mehr – wir sind Kuratorin urbaner Lebensqualität und verbinden Systeme: Energie, Ernährung, Bildung, Kultur, Gesundheit. Alles, was Bewegung im weiteren Sinne bedeutet.

BZ: Wann begann dieser Wandel?

Fibucci: 2025, mitten in der Krise. In einer Zeit, in der alles auf Kante genäht war: das Netz, die Menschen, das Vertrauen. Der damalige Chef Henrik Falk hatte aber den Mut, die BVG nicht als Verkehrsbetrieb, sondern als sozialen Raum zu denken. In seiner berühmten Rede anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der BVG sprach er davon, dass Linien, Haltestellen und Netze eigentlich kulturelle Infrastrukturen sind – und dass Mobilität nur eine Ausdrucksform von Nähe ist. Ich saß damals als 17-Jährige im Publikum und dachte nur: Wow, hier will ich arbeiten. Nach dieser Rede wurde vieles anders. Nicht sofort, aber spürbar. Heute, fast dreißig Jahre später, denke ich oft an diesen Nachmittag zurück. Vielleicht begann der Wandel also nicht 2025, sondern 2028 – das war wirklich der Gamechanger für uns alle.

»2028 war der Gamechanger«

BZ: Vom Verkehrsbetrieb zum sozialen Raum – das wurde Politik?

Fibucci: Ja. Seine Strategie war so anschlussfähig, dass sie später Grundlage für die Berliner Stadtverfassung wurde. Falk wurde Senator, später sogar Vorsitzender des europäischen Rats für urbane Transformation. Aber er blieb, wie er war – jemand, der Systeme verbinden wollte, nicht Menschen belehren.

BZ: Heute sprechen alle von „atmenden Städten“. Was meinen Sie damit?

Fibucci: Dass alles, was sich bewegt, zugleich nährt. Busse, Parks, Küchen, Datenströme – alles gehört zusammen. Wir haben gelernt, Stadt nicht zu planen, sondern zu pflegen.

BZ: Wie war der Weg dahin?

Fibucci: Schritt für Schritt. Erst die Öffnung des Systems für wirkliche Kooperation – Energieversorger, Quartiersentwickler, Kulturinitiativen, sogar Gastronomie-Startups. Dann die Idee, dass jede Linie Energie speichert, Begegnung schafft und Wissen teilt. So wuchsen Orte, die gleichzeitig bewegen, speisen, lernen, feiern, regenerieren.

BZ: Was bleibt aus der alten Zeit?

Fibucci: Der Glaube, dass Infrastruktur Haltung ist. Dass Bewegung Sinn erzeugt. Und dass die Zukunft nicht nur in der Technik liegt, sondern in der Fähigkeit, Systeme miteinander sprechen zu lassen. Und vor allem, dass Mut bewegt.

BZ: Sie haben BVG Housing ins Leben gerufen. Wie kam es zu dieser Idee?

Fibucci: Es begann mit der Frage: Was, wenn Mobilität nicht mehr nur Transport bedeutet, sondern Zugehörigkeit? 2038 hatten wir noch immer brachliegende Flächen, alte Depots, Busgaragen. Wir begannen, sie umzubauen – in Wohnräume, Werkstätten, Gemeinschaftsküchen. Es war nicht geplant als Immobilienprojekt, sondern als soziales Experiment. Heute leben in BVG Housing über 200.000 Menschen – viele davon Mitarbeitende. Sie zahlen Miete in Arbeitsstunden: Wer Orte reinigt, gärtnert oder sich um die Kinderbetreuung kümmert, wohnt günstiger.

BVG Housing

BZ: Das klingt wie eine neue Form von Stadtgesellschaft.

Fibucci: Ja. Housing war nie Besitz, sondern Beziehung. Wir wollten, dass sich Menschen wieder in die Stadt einschreiben können – nicht als Konsumenten, sondern als Teilhabende. Und ich glaube, dass das der eigentliche Wandel war: Wir haben verstanden, dass Infrastruktur nicht neutral ist. Sie ist emotional, sozial, politisch – und sie kann Fürsorge ausdrücken.

BZ: Sie erwähnten bereits Ihren Mentor Henrik Falk. Welche Rolle spielte er für diese Entwicklung?

Fibucci: Henrik war der Erste, der mir beibrachte, über Netze als kulturelle Räume zu denken. Ich war damals Verkehrsingenieurin, noch sehr technisch geprägt. Er sagte immer: „Du kannst die schönste Linie planen – wenn sie niemandem etwas bedeutet, ist sie leer.“

In seinem letzten Jahr bei der BVG, haben wir oft über die Stadt als Körper gesprochen. Er nannte das Mobilitätssystem die „Durchblutung Berlins“. Diese Metapher hat mich nie losgelassen. Ich wollte, dass unsere Netze irgendwann pulsieren wie Venen voller Leben.

BZ: Und der Neue Bahnhof ist dann das Herz der Stadt?

Fibucci: (lacht) Ja, das habe ich in einem Interview gesagt, nach der Eröffnung im Sommer 2046. Dieser Bau, den wir bewusst als Lebensraum konzipiert haben, ist für mich tatsächlich der zentrale Taktgeber: kein Betonmonolith, sondern ein Garten unter Glas. Menschen verbringen dort ganze Tage, nicht, weil sie müssen, sondern weil sie wollen. Für mich ist das die schönste Form von Erfolg – wenn Infrastruktur zur Emotion wird.

»Was, wenn Mobilität nicht mehr nur Transport bedeutet«

BZ: Sie sind gebürtige Berlinerin. Was bedeutet Ihnen diese Stadt?

Fibucci: Berlin ist für mich ein Organismus, kein Ort. Es atmet, wächst, stolpert, heilt. Ich liebe seine Widersprüche: das Raue und das Zärtliche, das Improvisierte und das Radikale. Berlin erlaubt Fehler – das ist selten. Ich glaube, deshalb konnte hier ein solches Experiment wie BVG Housing überhaupt entstehen.

BZ: Wenn Sie in die Zukunft blicken – was kommt nach der Bewegung?

Fibucci: Ich glaube, wir treten in eine Phase der Pflege ein. Die Systeme sind gebaut, die Netze verbunden – jetzt müssen wir sie behutsam halten. Meine Hoffnung ist, dass sich Mobilität künftig weniger um Geschwindigkeit dreht, sondern um Resonanz: Wie berührt uns die Stadt? Wie spüren wir Zugehörigkeit? Und wer sorgt für wen?

BZ: Gibt es etwas, das Sie bereuen?

Fibucci: Vielleicht, dass wir anfangs zu wenig über Zeit gesprochen haben. Wir waren getrieben vom Umbau, vom Fortschritt. Heute weiß ich: Nachhaltigkeit ist vor allem Geduld. Aber ich bin stolz darauf, dass wir mutig waren. Mut ist kein Zustand – er ist eine Bewegung.

BZ: Woran erkennen Sie, dass Berlin Sie noch liebt?

Fibucci: Daran, dass es mir widerspricht. Berlin sagt nie: bleib, es sagt immer: probier. Wenn ich morgens durch die Stadt gehe und sehe, wie Menschen ihre eigenen Wege legen – zwischen alten Schienen, neuen Gärten, fremden Sprachen –, dann spüre ich, dass Berlin noch lebt. Und solange es lebt, liebt es. Nicht laut, nicht gefällig, sondern auf diese eigentümlich raue, unbeirrbare Weise, die nur Berlin kann.

Der Neue Bahnhof entstand im Rahmen der Expo 2035.

Zur Person

Mana Fibucci (geb. 2011 in Lichtenberg) ist seit 2048 Vorstandsvorsitzende der BVG. Fibucci ist seit 2031 im Unternehmen und war eine der ersten Absolventinnen des von der BVG neu aufgesetzten Studienkonzepts Open 2100. Unter ihrer Leitung modernisierte die BVG ihr gesamtes Netz auf emissionsfreie, adaptive Mobilitätssysteme. Dazu gehören das autonome Liniennetz „BVG Flow“ und die Integration von Wasserwegen in den öffentlichen Nahverkehr. Fibucci gilt als pragmatische und durchsetzungsstarke Entscheiderin, die technologischen Fortschritt mit einem offenen systemischen Blick verbindet. Sie war maßgeblich beteiligt an der Öffnung des BVG-Ökosystems für Start-ups und Kommunen und gilt als enge Vertraute von Dr. Henrik Falk, mit dem sie bereits in den 2030er-Jahren an der Entwicklung des „Berliner Mobilitätskompasses“ gearbeitet hat – einer langfristigen Strategie für die Neugestaltung des städtischen Raums.